Was Armut bedeutet

Ein Haus in dem Mayadorf Santa Amalia

Wer zum ersten Mal ein Mayadorf im Dschungel besucht, in dem Hühner, Truthähne und Schweine durch die Straßen laufen und Obstbäume neben den traditionellen Rundholzhütten stehen, findet dies vielleicht malerisch. Oder sieht in dem Dorf sogar einen Ort, auf den man seine Träume von einem einfachen, natürlichen und besseren Leben projizieren kann. 

Doch ein einfaches, naturverbundenes Leben – das findet man hier nicht. Sondern unüberwindbare und unausweichliche Armut.

Die Menschen leben in Hütten ohne befestigten Boden, ihre Wohnungseinrichtung besteht aus Hängematten, vielleicht ein paar alten Plastikstühlen und einem Plastiktisch, Haken und Brettern an den Wänden für ihren sehr überschaubaren Besitz. Die Küche eine Kochstelle mit offenem Feuer, in den Ecken manchmal Futter für die Hühner, die Kleidung hängt an einer Leine. Wer einen Stromanschluss hat, besitzt vielleicht einen Fernseher, selten hängt ein Bild an der Wand. Es gibt oft einen Hausaltar mit Kreuz, Madonna und Heiligenfiguren. Was fehlt: Betten und Schränke, Badezimmer, fließendes Wasser, Telefon, Mobilfunkverbindung und Internet. Reichtum wäre hier: ein Haus aus Stein mit Wasseranschluss und viel Nutzvieh.

Armut ist ein Teufelskreis, das erfährt man in solchen Dörfern: Die Menschen müssen von morgens bis abends, von der Kindheit bis ins Alter, harte Feldarbeit leisten, um genug zu essen zu haben. Damit die Familie durchkommt, müssen schon die Kinder arbeiten. Kinderrechte nutzen ihnen nichts, solange sie nur auf dem Papier stehen und sie sonst nicht satt werden. Für Schulbesuch ist oft keine Zeit – doch Bildung ist das Einzige, was den Kindern eine bessere Zukunftsperspektive bieten könnte. Viele Jugendliche träumen davon, in Cancún oder Playa del Carmen in einem Hotel zu arbeiten – davor haben sie aber hohe Hürden zu überwinden. Denn dafür müssten sie regelmäßig in die Schule gehen und Spanisch lernen. In den Dörfern spricht man Maya.

Wie sieht die Zukunft aus? Vielleicht geht es auch in den nächsten Generationen so weiter. Harte Lebensumstände führen zu einem Mangel an Schulbildung, was wiederum Weiterentwicklung verhindert. Bildung, das Recht der Kinder auf eine unbeschwerte Kindheit – all das wird erst eine Rolle spielen, wenn die Menschen nicht mehr um die Erfüllung grundlegender Bedürfnisse so hart kämpfen müssen.