Prävention und Gesundheitsförderung in Quintana Roo

Medical Mission Network hat ein Präventionsprogramm entwickelt, das auf mehreren Bausteinen beruht. Ziel ist es, durch Beratung, Aufklärung und regelmäßige Betreuung die gesundheitliche Situation der verarmten Landbevölkerung von Quintana Roo zu verbessern.


Gesundheitsberatung

Ausgebildete Gesundheitsberater stehen den Menschen in den Dörfern zur Seite.

Gesundheit für Mutter und Kind

Wir helfen Müttern, damit ihre Kinder einen guten Start in das Leben haben.

Gesundheitsberatung


In unserem Zentrum in Chetumal bilden wir Gesundheitsberater aus und geben damit jungen Menschen aus der Region eine berufliche Perspektive. Nach der Ausbildung bekommen sie eine Stelle in einem Dorf. Dort beraten sie die Einwohner zu gesundheitlichen Fragen. Ein Schwerpunkt ist Ernährungsberatung, vor allem für Kinder und schwangere Frauen.


"Viele der Krankheiten, die wir hier behandeln, sind ernährungsbedingt", erklärt der Ernährungsberater Álvaro Cervantes, der das Projekt leitet. "Darauf wollten wir reagieren und haben ein Präventionskonzept entwickelt. Denn eine gesündere Ernährung ist der erste Schritt, um die gesundheitliche Situation der Menschen hier zu verbessern." Das Projekt hat Medical Mission Network gemeinsam mit der us-amerikanischen Organisation Hope for a Healthier Humanity ins Leben gerufen.


Zurzeit arbeiten 29 Gesundheitsberater in verschiedenen Dörfern in ganz Quintana Roo, sowohl im äußersten Norden als auch im Süden an der Grenze zu Belize. Weitere Mitarbeiter werden gerade ausgebildet, Ende 2022 werden es schon rund 60 sein.


Die Gesundheitsberater betreuen auch die chronisch kranken Patienten in den Dörfern, darunter viele, die unter Bluthochdruck oder Diabetes leiden. Sie kontrollieren deren Werte und nehmen Blutproben, die in unserem Labor in Chetumal analysiert werden. Die Gesundheitsberater bilden also ein Bindeglied zwischen dem Ärzteteam und den Menschen in den Dörfern. Sie stehen in regelmäßigem Kontakt zu den Ärzten, die schnell reagieren können, wenn sich ein Patient in einer schlechten Verfassung befindet oder ein Notfall oder sogar eine Katastrophensituation wie die in dieser Region häufigen Überschwemmungen eintritt. Außerdem bereiten die Gesundheitsberater die Einsätze der Ärzte in den Dörfern vor. "Das Konzept ist neu und wohl einmalig in Mexiko", sagt Álvaro Cervantes. Er verbindet damit große Hoffnungen: Denn durch Beratung und die Förderung eines gesunden Lebensstils können chronische Krankheiten vermieden werden.


Naomi Poot Dzul

Die Gesundheitsberaterin arbeitet in Los Divorciados, einem Dorf mit rund 1200 Einwohnern.

Álvaro Cervantes

Leiter des Projekts Gesundheitsberatung von Medical Mission Network

Gesundheit für Mutter und Kind

Frau Dr. Briseño Diaz, der Grund, warum das Präventionsprogramm für Schwangere entwickelt wurde, war eine erhöhte Müttersterblichkeit während der Corona-Krise. Das hat mich zunächst überrascht. Können Sie diesen Zusammenhang kurz erklären?

Dr. Renata Briseño Diaz: Nun, die Müttersterblichkeit ist ja ein wichtiges Kriterium für den Stand der medizinischen Versorgung in einem Land. Während der Corona-Krise haben wir beobachtet, dass sich die Müttersterblichkeit in Quintana Roo verdoppelt hat. Eine Ursache dafür war, dass Krankenhäuser und Gesundheitszentren, so absurd es auch klingt, in dieser Zeit geschlossen waren und die werdenden Mütter keinen Zugang zu Gesundheitsfürsorge und Geburtshilfe hatten. Manche Frauen waren aber auch so in Panik versetzt worden, dass sie sich aus Angst vor Ansteckung kaum trauten, ihre Häuser zu verlassen. Doch schon vor der Corona-Krise war die Gesundheitsversorgung für schwangere Frauen in der Region schlecht, denn die staatlichen Gesundheitszentren sind personell unterbesetzt und es fehlt an Medikamenten. Der Zugang zu Ultraschalluntersuchungen war schon vorher stark begrenzt. So war es kaum möglich, Komplikationen bei Geburten vorherzusehen.

Und Medical Mission Network hat auf diese Probleme, die durch die Corona-Krise verstärkt wurden, reagiert.

Dr. Renata Briseño Diaz: Wir waren beunruhigt, als wir von der erhöhten Müttersterblichkeit hörten, und beschlossen, sofort zu handeln. Ich glaube, Europäer können sich das kaum vorstellen: Wir begegnen hier immer wieder Schwangeren, die vielleicht 13 oder 14 Jahre alt sind, das sind fast noch Kinder. Die meisten Frauen in den Maya-Dörfern sind 16 bis 18 Jahre alt, wenn sie ihr erstes Kind bekommen. Natürlich haben diese einen hohen Beratungsbedarf. Wir begannen dann damit, die schwangeren Frauen in den Dörfern zu besuchen, alle notwendigen Untersuchungen vorzunehmen, ihnen, falls nötig, Medikamente zur Verfügung zu stellen und gesundheitliche Aufklärung anzubieten. Oft diagnostizieren und behandeln wir Schwangerschaftsdiabetes. Wir haben den Frauen außerdem Folsäure und Eisenpräparate mitgebracht …

Die Frauen hatten also noch nicht einmal zu solchen grundlegenden Präparaten Zugang? Es ist schwer, sich das vorzustellen.


 Dr. Renata Briseño Diaz: Ja, das ist leider so, und das alles ist vor allem eine Kostenfrage. Ein Beispiel: Für eine Ultraschalluntersuchung müssten schwangere Frauen rund 1000 Pesos bezahlen. Sie müssten die Untersuchungen selbst bezahlen, denn sie haben keine Krankenversicherung. Das kann sich jedoch hier in der Region keine Familie leisten: Hier arbeiten die Männer meist auf den Feldern und verdienen damit 50 Pesos am Tag. Davon müssen sie ihre Familie ernähren. Eine Ultraschalluntersuchung würde also einen Monatslohn kosten, dann könnte die ganze Familie einen Monat lang nichts essen.

 

In den Dörfern arbeiten nun auch Gesundheitsberater von Medical Mission Network. Welche Rolle spielen diese bei dem Präventionsprogramm für werdende Mütter?


 Dr. Renata Briseño Diaz: Sie beraten die schwangeren Frauen und haben vor allem eine wichtige Funktion, wenn Schwangerschaftsdiabetes vorliegt: Dann helfen sie den Frauen, ihre Ernährung umzustellen, damit sich der Blutzuckerspiegel wieder normalisiert. Unser Diabetes-Screenings ist auch deshalb wichtig, weil Kinder, deren Mutter an Schwangerschaftsdiabetes erkrankt war, später ein deutlich erhöhtes Diabetes-Risiko haben. Wir zeigen den Frauen auch, wie sie ihren Blutzucker selbst messen können. Die Gesundheitsberaterinnen begleiten die Frauen während der Schwangerschaft und kümmern sich darüber hinaus auch um Mütter mit Säuglingen und kleinen Kindern. Denn eine gesunde Ernährung für Säuglinge und Kleinkinder ist ein weiterer Schwerpunkt des Projekts.

 

Das heißt, das Präventionsprogramm für werdende Mütter und die Gesundheitsberatung in den Dörfern ergänzen einander und greifen ineinander über …

 

Dr. Renata Briseño Diaz: Ja, wir möchten dafür sorgen, dass die Neugeborenen einen guten Start in das Leben bekommen. Wir kennen sie ja quasi vom Tag ihrer Geburt an. Unser Projekt hat also mehrere Ziele: erstens, die Müttersterblichkeit zu verringern, zweitens, Schwangerschaftsdiabetes vorzubeugen und zu behandeln und so auch das Diabetesrisiko der Kinder zu senken, drittens, die Ernährungssituation der Kinder zu verbessern und gesunde Ernährungsgewohnheiten zu etablieren. Eines der größten Gesundheitsprobleme in der Region ist Diabetes. Um dieses Problem in den Griff zu bekommen, müssen wir dort ansetzen, wo die ersten Fehlentwicklungen auftreten, nämlich bei der Ernährung der Kinder. Denn wir möchten die gesundheitliche Situation in den Dörfern langfristig verbessern.


Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte P. Bennet Tierney, LC.