Santa Amalia: Armut, harte Feldarbeit und verlorene Kindheit

Die Kirche von Santa Amalia

Santa Amalia liegt mitten im Dschungel. Das Dorf ist nur über eine unbefestigte Straße zu erreichen. Wenn es starke Regenfälle gibt, ist sie oft nicht passierbar, die Einwohner sind dann abgeschnitten von der Außenwelt. Zwar dauert die Autofahrt von der nächsten Stadt, Felipe Carrillo Puerto, nur 40 Minuten. Doch für den Fußweg zur Bushaltestelle braucht man zwei Stunden. Vor vielen der Holzhütten, in denen die Menschen hier leben, sieht man alte, rostige Fahrräder. Strom und fließendes Wasser hat kaum jemand, viele Kinder tragen zerrissene, schmutzige Kleidung. Als Wohnungseinrichtung dienen oft nur Hängematten und ein paar zu Regalen umfunktionierte Bretter an der Wand. Das schönste Haus im Ort ist die Kirche – eine Holzhütte mit Blechdach, hellblau gestrichenen Wänden und einem bunt geschmückten Innenraum.

Alicia Herrera

Als wir gestern in Santa Amalia gearbeitet haben, trafen wir dort Alicia Herrera. Die Doktorandin erforscht die Lebensumstände der Kinder in Mayadörfern. Sie reist in verschiedene Dörfer und lebt dort einige Wochen mit den Einwohnern. In Santa Amalia kennt sie jeden, das Dorf hat schließlich nur 98 Einwohner, darunter 30 Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren.

„Es ist nicht einfach für mich“, erzählt sie. „Die Leute hier sind sehr verschlossen, viele sprechen auch kein Spanisch. Das Leben hier ist sehr hart: Es gibt nur Armut, Mangel und harte Arbeit.“ Unbeschwertheit, genug freie Zeit zum Spielen, einfach nur Kind sein – das kennen die Kinder hier nicht. Schon Fünfjährige müssen Hühner füttern und Aufgaben im Haushalt übernehmen, zehnjährige Mädchen arbeiten auf den Feldern oder ziehen ihre kleinen Geschwister groß. „Manchmal müssen die kleinen Kinder 4 Kilometer zu Fuß gehen, bis sie auf den Feldern sind, um dort Chaya zu pflücken“, erzählt Alicia Herrera. Die Eltern hier sehen jedoch keine andere Möglichkeit: Denn wenn die Kinder nicht mithelfen, haben die Familien nicht genug zu essen, erläutert sie. Viele Kinder besuchen daher nicht regelmäßig die Schule und können nicht richtig Spanisch lernen – was dazu führt, dass sie auch später keine Möglichkeit haben, woanders eine besser bezahlte Arbeit zu finden.

Die harte Feldarbeit und die schlechten Lebensbedingungen führen bei vielen Einwohnern zu gesundheitlichen Problemen. Wegen der schlechten Infrastruktur ist es für sie sonst kaum möglich, medizinische Versorgung zu bekommen. Selbst in Notfällen ist schnelle Hilfe nicht erreichbar  – denn im Dorf gibt es noch nicht mal ein Telefon, mit dem man einen Rettungswagen verständigen könnte.

Medical Mission Network besucht das Dorf monatlich. Diesmal mussten wir eine Patientin ins Krankenhaus einweisen: Eine 48-jährige zehnfache Mutter kam wegen Hautproblemen in die Sprechstunde, doch bei der Untersuchung zeigte sich, dass sie einen arteriellen Verschluss im Bein hatte. In Situationen wie diesen werden uns oft die Grenzen bewusst, in denen wir uns mit unserer Arbeit bewegen: Oft entdecken wir Patienten, die dringend Hilfe brauchen, nur durch Zufall oder weil wir gerade zum richtigen Zeitpunkt in die Dörfer kommen. Die Defizite des Gesundheitssystems kann jedoch keine Hilfsorganisation alleine abfangen. Doch letztlich verdient jeder Einzelne, dem wir helfen können, unsere ganze Anstrengung und Aufmerksamkeit.