7.3, Felipe Carrillo Puerto

Juan lacht nicht. Er sieht traurig aus, träge, sein Gesicht ist ausdruckslos. Unsere Hautärztin, Dr. Judith Balázs, untersucht ihn wegen eines Ekzems. Doch das ist nicht sein einziges Problem. Der Zwölfjährige ist stark übergewichtig. Er habe schon bei seiner Geburt sechs Kilo gewogen, erzählt seine Tante, die ihn begleitet. Das Übergewicht habe er nie verloren. Allerdings hat ihm noch nie jemand nahegelegt, abzunehmen. Denn Übergewicht wird hier nicht als Risiko wahrgenommen. Juan esse sehr viel, räumt die Tante ein. Manchmal laufe er weg, um heimlich zu essen. Judith und Ingrid, ihre Übersetzerin, reden Juan gut zu. Er solle auf sein Gewicht achten, die Sache selbst in die Hand nehmen, etwas für seine Gesundheit tun. Juan reagiert nicht, wirkt völlig teilnahmslos, zeigt keine Gefühle, keinen Willen. Das Problem scheint tiefer zu sitzen. Die Ärztin vermutet Depressionen. Faviola Santos, eine Psychologiestudentin, die uns hier unterstützt, redet mit Juan. Wir haben Glück: Juan öffnet sich ihr. Er erzählt von zuhause, und wir erfahren von Zusammenhängen, die kompliziert sind, und von Problemen, die schwer lösbar erscheinen. Juan hat acht Geschwister, er ist der Jüngste. Seine Mutter ist schwer zuckerkrank, und er muß sich um sie kümmern. Er macht den Haushalt und darf nachmittags nicht in die Schule gehen. „Er muß zuhause eine Rolle übernehmen, die ihn überfordert und ihm nicht entspricht,“ erklärt Faviola. Zuhause darf er kein Kind sein. Er macht sich große Sorgen um seine Mutter, und gleichzeitig versucht er immer wieder, sich der Situation zu entziehen. Er ist oft alleine unterwegs und sagt nicht, wohin er geht. Faviola rät ihm, öfter das zu tun, was ihm Spaß macht. Er spielt gerne Fußball, er lernt gerne – das alles muß für ihn wichtiger werden. Später spricht Juan noch mit Dr. Gerhard Klein, Psychiater und Neurologe.

Damit es Juan wieder besser geht, muß sich in seinem Leben viel ändern. Er braucht eine Therapie, und am besten wäre es, wenn er nicht mehr bei seiner Mutter wohnen würde. Juan hat eine ältere Schwester auf Cozumel. Er soll zunächst die Ferien bei ihr verbringen, und dann vielleicht zu ihr ziehen. Dort könnte er zur Schule gehen und dürfte endlich wieder ein Junge von zwölf Jahren sein.

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