„Das Team arbeitet Hand in Hand“ – Interview mit Dr. Ida Maria Kastner

Die Zahnärztin Dr. Ida Maria Kastner hat im März an der Medical Mission in Bacalar teilgenommen. Sie arbeitet in einer Praxis in Augsburg. In dem Interview, das an einem der letzten Einsatztage geführt wurde, berichtet sie von ihren Erfahrungen.

Was ist dir bei dem Einsatz besonders aufgefallen?

Dr. Ida Maria Kastner

Dr. Ida Maria Kastner

Dr. Ida Maria Kastner: Ich finde es sehr schön, wie das Team zusammenarbeitet. Ich werde oft gefragt, ob ich Hilfe brauche, zum Beispiel, wenn ich meine Instrumente saubermache. Die Leute arbeiten wirklich Hand in Hand. Es fällt auch auf, dass die Patienten hier nicht dieselben Möglichkeiten haben wie in Deutschland. Ein Zahnarztbesuch ist für sie etwas Außergewöhnliches, viele ziehen dafür ihre beste Kleidung an. Ein Mädchen hatte ein weißes Kleid an — ihr Kommunionkleid. Die Leute zeigen deutlich, wie sehr sie unsere Arbeit schätzen.

Wie ist der Zustand der Zähne bei den meisten Patienten?

Dr. Ida Maria Kastner: Deutlich schlechter als bei den Patienten in Deutschland, weil die hygienischen Möglichkeiten und die Versorgung nicht so gut sind. Sehr viele haben kariöse Zähne. Das liegt sicher auch an der Ernährung und den vielen süßen Getränken wie Cola oder Limonade, die die Leute hier konsumieren. Wahrscheinlich ist das Ernährungsbewusstsein nicht so ausgeprägt. Zahnfleischerkrankungen sind sehr häufig, man sieht, dass nicht die Möglichkeit zur Prophylaxe oder zu einem regelmäßigen Zahnarztbesuch besteht. Viele Patienten kommen mit Schmerzen, und häufig müssen Zähne gezogen werden. Oft sind sogar mehrere Zähne betroffen. Die wenigsten kommen hier nur zum Reinigen. Die Patienten sind sehr dankbar und auch sehr tolerant gegenüber Wartezeiten. Manche fallen einem nach der Behandlung sogar um den Hals — das wäre in Deutschland undenkbar.

Wie ist das denn mit den Kindern hier, die schreien ja manchmal, wenn sie untersucht und behandelt werden …

DSC_0673Dr. Ida Maria Kastner: In einem gewissen Alter können die Kinder das alles noch nicht verstehen. Ich behandle Kinder sehr gerne, aber in Deutschland fällt mir das natürlich leichter, weil ich da sprachlich mehr Möglichkeiten habe. Wenn man eine Übersetzung braucht, ist das immer ein erschwerter Weg. Was ich hier oft gesehen habe, ist Nuckelflaschenkaries — diese kann entstehen, wenn süße Getränke in Nuckelflaschen gefüllt werden. Wenn dann ein Zahn gezogen werden muss, ist das für ein kleines Kind natürlich beängstigend. Wir haben hier ja nicht die Möglichkeit, unter Narkose zu behandeln. Aber die Kinder lassen sich oft mit einem Teddy beruhigen. Wenn sie den im Arm halten können, ist die Behandlung halb so schlimm.

Hier gibt es wahrscheinlich viel Aufklärungsbedarf zum Thema Zahnhygiene?

Dr. Ida Maria Kastner: Es gibt auf jeden Fall Aufklärungsbedarf. Da ich die einzige Zahnärztin im Team bin, bleibt leider nicht genug Zeit, um jedem die richtige Zahnputztechnik zu erklären. Es wäre schön, wenn das zahnärztliche Team größer wäre, wenn zum Beispiel Medizinstudenten in höheren Semestern dabei wären. Dann hätten wir mehr Zeit für Aufklärung über Mundhygiene und könnten auch mehr Patienten behandeln.

Was ist deine interessanteste Erfahrung bei der Projektarbeit?

Dr. Ida Maria Kastner: Es ist für mich etwas Besonderes, die Lebensbedingungen hier unverfälscht mitzubekommen, in die Orte hineinzugehen und so nah an den Menschen sein zu dürfen. Als Tourist sieht man das ja gar nicht alles. Ich war überrascht, denn ich hätte in Mexiko nicht so viel Armut erwartet. Es fällt auch auf, dass die Mentalität anders ist, die Leute sind sehr herzlich und flexibel und alle denken an die Gemeinschaft. Es ist schön zu sehen, dass man helfen und sich mit seiner Motivation und seinem Können einbringen kann. Durch die Arbeit hier ist meine Wertschätzung für die Möglichkeiten, die wir in Deutschland haben, noch mehr gewachsen. Denn man sieht hier, dass es auch ganz anders sein kann.