„Der Blick auf die eigenen Lebensverhältnisse ändert sich“ – Interview mit Bruder Markus Stehmer LC

Br. Markus Stehmer LC nahm im vergangenen Herbst an einem zweiwöchigen Einsatz in Quintana Roo teil. Für Br. Markus war das der erste Aufenthalt in Mexiko.

Bruder Markus, gab es bei dem Einsatz einen Moment, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

 Br. Markus Stehmer: Viele, aber spontan fällt mir eine Situation ein, bei der eigentlich gar nicht viel passiert ist: Eine der Teilnehmerinnen, eine mexikanische Studentin, hat ein Selfie mit einer Patientin gemacht. Das war eine ältere Maya-Dame, und sie war zuerst vollkommen überrascht, denn sie hatte sich vorher nie selbst auf einem Smartphone gesehen. Und dann hat sie losgelacht. Auf den ersten Blick also gar keine große Sache. Aber das war deshalb ein besonderer Moment, weil diese Fröhlichkeit für die Leute dort so typisch ist, sie lachen viel und gerne. Und auch die Geduld der Patienten wird mir in Erinnerung bleiben. Manche haben den ganzen Tag gewartet, bis sie endlich beim Arzt drankamen. Aber sie haben trotzdem immer viel Dankbarkeit gezeigt, das war beeindruckend.

Können Sie mal beschreiben, wie bei dem Einsatz Ihr Tagesablauf ausgesehen hat?

Br. Markus Stehmer: Der Tag war gut durchorganisiert. Er begann morgens mit der Heiligen Messe. Nach dem Frühstück sind wir an den Einsatzort gefahren, jeden Tag in ein anderes Dorf. Wenn wir ankamen, konnten wir gleich loslegen: Denn es war alles vorbereitet, und die Patienten warteten schon. Medical Mission Network ist in den Dörfern bekannt, weil die mexikanischen Ärzte regelmäßig dorthin fahren. So lief alles super. Ich habe geholfen, Medikamente auszugeben, aber manchmal war ich auch bei den Ärzten oder habe Pater Bennet auf Hausbesuchen begleitet. So war ich überall mal dabei. Dass ich Spanisch spreche und mit den Patienten ohne Dolmetscher reden konnte, hat mir natürlich sehr geholfen. Tagsüber gab es nur eine kurze Pause für das Mittagessen, im späten Nachmittag sind wir zurück zum Hotel gefahren. Natürlich gab es auch mal anstrengende Momente, denn oft war es ziemlich heiß. Insgesamt war das Pensum aber gut zu bewältigen.

Wenn Sie Medikamente ausgegeben haben, hatten Sie viel Kontakt mit den Patienten. Was ist Ihnen da besonders aufgefallen?

Br. Markus Stehmer: Auffallend ist, dass die Menschen sehr viel Vertrauen haben, dabei erinnern sie fast ein wenig an Kinder. Sie hinterfragen nicht, was ihnen gesagt wird. Oft sind ihnen auch einfache medizinische Zusammenhänge gar nicht bewusst. Viele der Patienten – die meisten waren Maya – leben in Hütten mit Feuerstelle im Wohnraum. Ihnen war nicht klar, dass der Rauch für sie schädlich ist und die Ursache von Lungenproblemen sein kann. Sie brauchen mehr Informationen, Beratung. Andererseits wissen einige auch über ihre Krankheit ganz gut Bescheid, z. B. Diabetespatienten. Sie bekommen ihre Probleme trotzdem nicht in den Griff, was sicher auch an den Ernährungsgewohnheiten dort liegt. Die Leute konsumieren viele zuckerreiche Getränke oder Süßigkeiten.

Dabei spielt es sicher auch eine Rolle, dass die Leute sonst wenig Zugang zu medizinischer Versorgung und damit auch zu Beratung haben. Ihre Möglichkeiten sind ja sehr beschränkt …

Br. Markus Stehmer: Und das in jeder Hinsicht. Trotzdem habe ich es nie gehört, dass sich die Patienten beklagt haben. Mein Eindruck war: Ihnen ist natürlich bewusst, dass ihre Lebensumstände schlecht sind. Aber sie versuchen, das Beste daraus zu machen und das Positive zu sehen.

Viele Teilnehmer sagen nach einem solchen Einsatz, dass sie mit einer neuen Perspektive zurückkommen, weil die Begegnung mit den Patienten sie zum Nachdenken gebracht hat.

Br. Markus Stehmer: Ja, der Blick auf die eigenen Lebensverhältnisse ändert sich. Mir ist deutlich bewusst geworden, wie reich Deutschland ist, im materiellen Sinne. In Deutschland begegnet man oft Menschen, die sehr an ihrem Besitz hängen. Dagegen spielt der Glaube für viele gar keine Rolle. Bei den Maya scheint es umgekehrt zu sein, Glaube ist für sie sehr wichtig, aber sie binden sich nicht so sehr an Materielles. Sie sind großzügig, teilen alles, und selbst wenn sie kaum etwas besitzen, wollen sie andere einladen oder ihnen Geschenke machen. Diese Haltung hat mich sehr berührt.

Dann hatten Sie den Eindruck, dass man bei einem Einsatz auch als Teilnehmer viel zurückbekommt?

Br. Markus Stehmer: Ja, das ist kein einseitiges Geben, sondern ein Austausch: Wir wollen den Patienten helfen und auch dazu beitragen, dass sich ihre Lebensverhältnisse verbessern. Doch sie schenken uns auch eine wertvolle Perspektive – dass man nicht zum Sklaven des Besitzes werden soll zum Beispiel. Das spielt für mich als Ordensmann auch eine große Rolle, weil ich ja ein Armutsgelübde abgelegt habe …

Können Sie kurz erklären, was das bedeutet?

Br. Markus Stehmer: Es geht darum, dass man sich von Dingen loslöst, die Anhänglichkeit daran verliert und so frei wird. Wenn ich nächstes Jahr nach Rom zurückgehe, werde ich bis auf meine Kleidung alles hierlassen. Das ist natürlich schwierig. Schlimmer ist es aber, am Geld zu kleben, vor allem, wenn man ohnehin schon alles hat.

Wie haben die Patienten reagiert, wenn Sie erfahren haben, dass Sie Seminarist sind?

Br. Markus Stehmer: Sehr positiv. Die meisten sind sehr gläubig, und viele wollten mit Pater Bennet reden. Sie freuen sich, wenn ein Priester in ihr Dorf kommt. Ich fand es übrigens auch interessant, dass viele Dorfkirchen in der Region von den Legionären gebaut wurden. Ich habe da einige Stilmerkmale, die unserer Kongregation zu eigen sind, wiedererkannt.

Und das gab Ihnen wahrscheinlich auch ein Gefühl von Heimat?

Br. Markus Stehmer: Ja, auf alle Fälle. Mir ist da auch die mexikanische Prägung unserer Gemeinschaft stärker bewusst geworden. Die Legionäre Christi stammen ja ursprünglich aus Mexiko. Ich habe in Mexiko viele Leute getroffen, die Lebensfreude und Energie ausstrahlen, Gemeinschaftsgefühl spielt dort eine große Rolle. Das sind Elemente, die mich auch an den Legionären Christi angezogen haben. In Mexiko habe ich erkannt, wo das herkommt, und vielleicht haben wir alle das ein bisschen übernommen – obwohl wir natürlich eine internationale Gemeinschaft sind.

Hat das auch für Ihre Entscheidung für das Ordensleben eine Rolle gespielt? Wie hatten Sie eigentlich Ihre Berufung entdeckt?

Br. Markus Stehmer: Ich war ein Jahr lang als Coworker in Wien. Vorher hatte ich schon die Jugendarbeit des Regnum Christi kennengelernt und bin da Priestern begegnet, die auf mich sehr authentisch wirkten. Ich habe dann oft darüber nachgedacht, dass ich aus meinem Leben wirklich etwas machen will. Das hat für meine Berufung eine Rolle gespielt. Die Beziehung mit Gott gehört einfach dazu, und wenn man das erfahren hat, ist es wirklich was Schönes und Starkes. Denn ich glaube, wenn man katholisch lebt, kann man das Beste aus seinem Leben machen. Ich hoffe deshalb, dass ich später als Priester anderen Menschen helfen kann, ihr Leben voll zu leben.

Vielen Dank für das Gespräch!