8.3.2011, Chunhuhub

Wenn die Ärzte in Maya-Dörfer reisen, arbeiten sie dort unter viel schwierigeren Bedingungen als in Deutschland. In Chunhuhub halten sie in einem Lagerraum neben einer Kirche Sprechstunde. Die Behandlungsräume sind abgetrennt durch Bettlaken. Es ist eng in diesen winzigen Sprechzimmern. Die Patienten kommen oft in Begleitung von Familienmitgliedern, bei einigen Ärzten sitzt noch ein Übersetzer am Tisch.

Bevor die Patienten mit den Ärzten sprechen, werden sie am Empfang den verschiedenen Fachrichtungen zugeordnet. Die Krankenschwestern Stefanie Lindner und Ellen Petermann und die Arzthelferin Michaela Heilmann sitzen mit ihren Übersetzern an Tischen in einer Palapa, einer offenen Hütte mit Palmendach. Viele Patienten drängen zu ihnen, kaum einer kommt allein, Töchter übersetzen für ihre Mütter, die nur Maya sprechen. Die Patienten schildern ihre Probleme. Viele sprechen leise und undeutlich, damit nicht jeder mithören kann. Es ist nicht immer leicht, sie zu verstehen.

Ellen Petermann
Ellen Petermann

Ellen Petermann, die in einem Hospiz in Düren arbeitet, und Dr. Berthold Egervári, Allgemeinarzt aus Rothenburg ob der Tauber, haben beide Spanisch gelernt, um sich mit den Patienten verständigen zu können. In einem Gespräch berichten sie von ihren Erfahrungen.

„Ellen, du arbeitest hier in der Aufnahme, fragst die Patienten nach ihren Krankheiten und schickst sie zu den verschiedenen Fachärzten. Ist es manchmal schwierig herauszufinden, welche Probleme die Patienten haben?“

Ellen Petermann: „Ja, denn die Patienten äußern sich oft sehr unspezifisch. Am Anfang sagen die meisten, daß sie Kopf- oder Rückenschmerzen haben. Nach und nach weisen sie auf immer mehr Probleme hin, es kommen Bauchschmerzen dazu, Gelenkschmerzen, Erkältung. Doch das medizinisch Wichtigste erwähnen sie oft am Schluß oder wenn sie gezielt danach gefragt werden. Dann erfahren wir z.B. erst, daß sie Diabetes haben.“

„Die Maya beschreiben ihre Krankheiten also anders, als man es von Patienten in deutschen Arztpraxen gewohnt ist. Berthold, wenn du deine Patienten fragst, was sie haben: Welche Antworten hörst du dann besonders häufig?“

Dr. Berthold Egervári
Dr. Berthold Egervári

Dr. Berthold Egervári: „Die Patienten denken meistens, daß ihre Beschwerden auf die inneren Organe zurückgehen. Nie würden sie vermuten, daß sie Muskelschmerzen haben. Sie klagen oft über Lungenschmerzen – doch in der Lunge sind keine Nerven, von dort kommen die Schmerzen nicht. Am Anfang habe ich versucht, die Patienten über solche Zusammenhänge aufzuklären. Doch ich war mittlerweile schon oft auf medizinischen Hilfseinsätzen in Mexiko und weiß nun, daß das wenig Sinn hat. Die Patienten benutzen solche Ausdrücke wie „Lungenschmerzen“, weil das ihre Art ist, ihre Krankheit zu beschreiben – das muß man als Arzt wissen.

„Was sagen die Patienten sonst noch oft?“

Dr. Berthold Egervári: „Daß sie Kolitis haben. Kolitis ist eine Darmentzündung, doch die Patienten meinen damit etwas Anderes: Meistens haben sie bloß Blähungen.“

„Beschreiben Männer und Frauen ihre Probleme auf unterschiedliche Weise?“

Ellen Petermann: Die Frauen sind zurückhaltender. Die Männer gehen meistens allein zum Arzt, die Frauen kommen fast immer in Begleitung. Sie wollen oft nicht so offen sprechen. Manchmal reden sie sehr leise, wenn ihnen etwas peinlich ist. Dann ist es für mich schwer, sie zu verstehen. Gerade bei gynäkologischen Problemen bleiben die Antworten oft ungenau. Es fällt auch auf, daß die Patienten Körpersprache benutzen, um ihre Krankheit zu beschreiben: Sie zeigen meistens, wo es ihnen wehtut, das macht es für uns wiederum leichter.“

„Wie reagieren Sie, wenn Patienten mit vielen verschiedenen Symptomen kommen?“

Ellen Petermann: „Da muß der Arzt später genauer nachfragen. Wenn die Patienten über diffuses Unwohlsein klagen, stecken oft psychische oder soziale Probleme oder Depressionen dahinter.“ Dr. Berthold Egervári: „Mittlerweile habe ich viel Erfahrung mit den Patienten hier. Wenn sie von Kopfschmerzen sprechen, ist die Ursache oft Muskelverspannung. Wir haben hier sehr viele Patienten mit Verspannungen, mit Rücken- und Nackenschmerzen. Solche Probleme sind nicht lebensbedrohlich, deshalb werden sie hier oft nicht behandelt. Die Patienten bräuchten Massagen oder Krankengymnastik, doch das können sie sich nicht leisten. Sie haben Probleme, die in Deutschland viel routinierter und einfacher behandelt werden können.“

„Was unterscheidet die Patienten von deutschen Patienten?“

Ellen Petermann: „Sie sind nicht direkt oder fordernd. Sie haben viel Respekt vor den Ärzten, sind zurückhaltend und dankbar. Allerdings fragen sie auch nicht nach, wenn sie etwas nicht verstehen. Deshalb ist es wichtig, daß wir alles genau erklären und wiederholen. Die Patienten selbst wiederholen sich oft, wenn sie etwas Wichtiges mitteilen wollen.“

„Ich habe außerdem den Eindruck, daß die Patienten hier sehr geduldig sind …“

Ellen Petermann: „Ja, hier beklagt sich niemand. Oft müssen die Patienten viele Stunden warten und bleiben dabei ruhig und gelassen.“

„Letzte Woche waren wir in Playa del Carmen und auf der Insel Cozumel. Beides sind touristisch geprägte Orte, mit vielen Restaurants, Hotels und Geschäften. In den Vororten leben die Menschen jedoch in sehr armen Verhältnissen. Diese Woche sind wir in Maya-Dörfern, hier sieht es ganz anders aus als in diesen Badeorten. Gibt es auch Unterschiede zwischen den Patienten?“

Ellen Petermann: „Die Patienten aus Playa del Carmen waren ein wenig aufgeklärter und hatten mehr Wissen über medizinische Fragen. Sie haben z.B. oft schon am Anfang des Gesprächs gesagt, daß sie Diabetiker sind und welche Medikamente sie nehmen. Die Patienten schienen sich selbst genauer beobachten zu können und konnten genauere Zeitangaben über Dauer und Stärke ihrer Beschwerden machen.“

„Ist die Arbeit hier für Sie schwieriger als zuhause?“

Dr. Berthold Egervári: „Viel schwieriger. Denn hier fallen natürlich die Routinearbeiten weg. Zuhause kenne ich die meisten meiner Patienten, da fällt es mir leichter, auf sie einzugehen. Außerdem kommen hier fast alle Patienten mit mehreren Problemen. Doch ich kann mir für einen Patienten meist nicht mehr als eine Viertelstunde Zeit nehmen. Ich hätte gerne mehr Zeit, um über die Krankheiten aufzuklären und die Ursachen zu erklären …“

Ellen Petermann: „Von den äußeren Arbeitsbedingungen her ist es anstrengender und schwieriger, und man muß sehr flexibel sein. Aber das Vertrauen und die Dankbarkeit der Patienten hier sind überwältigend, da nimmt man alle Schwierigkeiten gerne in Kauf.“

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