Medical Mission Network México: Interview mit Dr. Juan Pablo Aguilar Mendoza

Dr. Juan Pablo Aguilar Mendoza ist der medizinische Leiter unserer Schwesterorganisation Medical Mission Network México. Mit einem Team von mehreren Ärzten arbeitet er in Quintana Roo.

Auf seine Arbeit war er bestens vorbereitet: Denn er hatte bereits sein soziales Jahr, zu dem alle Ärzte in Mexiko nach dem Abschluss ihres Studiums verpflichtet sind, bei uns absolviert.

Worin bestehen Ihre Aufgaben?

Dr. Juan Pablo Aguilar Mendoza: Im Moment beschäftige ich mich viel mit der Verwaltung. Ich bereite auch die Einsätze des deutschen Teams von Medical Mission Network vor. Das heißt: Ich wähle die Dörfer aus, die die Ärzte besuchen, fahre dorthin und spreche mit den Leuten, damit am Einsatztag Räume vorbereitet sind und Essen für das Team gekocht wird. Ich kümmere mich um die Hotels und den Transport. Außerdem organisiere ich die Arbeit unseres mexikanischen Teams: Da muss ich zum Beispiel planen, welche Orte wir besuchen. Diese organisatorische Arbeit ist für mich eine große Herausforderung.

Inwiefern?

JP: Ich habe bisher immer medizinisch gearbeitet und musste mich nie um Verwaltungsangelegenheiten kümmern. Zu meinen Aufgaben gehört auch die Finanzplanung und ich muss dafür sorgen, dass wir unsere Spenden vernünftig und verantwortungsvoll einsetzen. Zum Glück bekomme ich viel Unterstützung aus Monterrey.

Monterrey ist der Sitz von Medical Mission Network México …

JP: Ja, und mit dem Vorsitzenden, Federico Pozas, bin ich ständig in Kontakt. Er investiert sehr viel Zeit in das Projekt, obwohl er sein eigenes Unternehmen zu leiten hat. Dafür bin ich sehr dankbar. Wir sprechen oft darüber, wohin unsere Spendengelder fließen sollen. Denn hier ist so viel Not, so viele Menschen brauchen Hilfe. Aber wir müssen Entscheidungen treffen. Wir müssen manchmal Leute auswählen, die besonders hilfsbedürftig sind. Das ist sehr schwierig und belastend. Und vor allem müssen wir den Leuten das geben, was sie wirklich brauchen. Und gleichzeitig müssen wir darauf achten, unsere Ressourcen, die sowohl zeitlich als auch finanziell begrenzt sind, sinnvoll einzusetzen. Manchmal stehen aber auch ganz alltägliche Entscheidungen an. Da geht es zum Beispiel um die Frage, welche Geräte wir brauchen oder ob unser Auto noch fahrtauglich ist. Mir ist es wichtig, so viel Geld wie möglich in die medizinische Versorgung der Menschen hier zu stecken und andere Ausgaben gering zu halten.

Wie sieht eure Arbeit im Team aus? Sie arbeiten mit verschiedenen jungen Ärzten von der Universität Mexiko-Stadt zusammen.

JP: Ja, neben mittlerweile vier festangestellten Ärzten gehören zum Team Freiwillige, die hier ihren Social Service absolvieren. Mexikanische Ärzte sind verpflichtet, ein Jahr lang unentgeltlich in einer ärmeren Gegend zu arbeiten, zum Beispiel für eine Hilfsorganisation oder in einem Centro de Salud.

Das heißt, in den staatlichen Gesundheitszentren, die man in vielen Dörfern sieht, arbeiten keine festangestellten Ärzte, sondern junge Ärzte in ihrem sozialen Jahr?

JP: Ja, das ist oft so. Die Gesundheitszentren sollen die medizinische Grundversorgung für die sozial schwache Bevölkerung sicherstellen. Aber das gelingt nicht, weil es an Personal fehlt. Das ist sogar ein Problem in Gegenden, in denen es den Menschen wirtschaftlich betrachtet relativ gut geht. In Quintana Roo leiden die Leute zum Beispiel nicht an Hunger, aber es gibt hier eine andere Form von Armut: den Mangel an medizinischer Versorgung.

Und ihr Team fährt regelmäßig in solche Dörfer, die schlecht versorgt sind?

JP: Ja. Ich kann leider nicht immer mitkommen, weil ich so viele administrative Aufgaben habe. Meine Kollegen sind immer unterwegs, das ist eine sehr anstrengende Arbeit, für die man viel Motivation braucht. Denn oft sind wir erst spät am Abend fertig, und danach haben wir manchmal noch lange Fahrtstrecken zu bewältigen. Wir besuchen die Dörfer regelmäßig, weil wir für Kontinuität sorgen wollen, und dazu gehört eben auch die Nachbetreuung. Es hat wenig Sinn, nur einmal in ein Dorf zu gehen und dann nicht mehr. Die Dörfer, die wir besuchen, liegen in verschiedenen Gebieten: im Norden von Quintana Roo, das ist die Gegend um Kantunilkin, im Süden im Umkreis von Bacalar, und in der Zona Maya, in der Gegend von Felipe Carrillo Puerto.

Wie oft seid ihr dort?

JP: Wir sind jeden Monat zwei Wochen in den Dörfern im Umkreis von Bacalar, in den übrigen zwei Wochen entweder im Norden oder in der Zona Maya. In Bacalar haben wir unser eigenes kleines Gesundheitszentrum aufgebaut, mit einer Apotheke und einem Untersuchungsraum. Ich hoffe, dass irgendwann dort überall dauerhaft Ärzte von uns arbeiten können. Aber im Moment sind wir noch ein kleines Team, das mit begrenzten Ressourcen auskommen muss, das macht manches zur Herausforderung. Wachstum braucht eben Zeit.

Ihr wart auch mal zusammen in Chiapas. Ist das ein weiterer Einsatzort von Medical Mission Network México?

JP: Wir planen, dort etwas aufzubauen. Das ist ein Projekt für die Zukunft. Im Moment fahren wir einmal im Monat dorthin. So lernen wir die Menschen dort und die Orte besser kennen.

Damit das Projekt größer wird, braucht ihr vor allem mehr Ärzte. Denn in Quintana Roo und Chiapas herrscht ein gravierender Ärztemangel, und die schlechte gesundheitliche Versorgung ist eines der größten Probleme Mexikos. Wie könnte sich diese Situation in Zukunft verbessern? Sehen Sie da eine Perspektive für Ihr Land, für Mexiko?

JP: Ich glaube, diese Probleme lassen sich nur lösen, wenn die Ärzte dafür sensibilisiert werden und wenn sie sehen, wie groß die Not in manchen Gegenden ist. Denn Medizinstudenten kennen die Realität der verarmten Dorfbevölkerung in Quintana Roo oder Chiapas nicht. Viele von ihnen stammen aus sehr wohlhabenden Familien, ihnen müssen diese Probleme erst nahegebracht werden. Ich habe Kontakt zu der Uni in Cancún und biete den Studenten an, uns auf unseren Einsätzen einen Tag lang zu begleiten. Das Angebot wird von vielen angenommen. So können wir den Studenten vermitteln, wie wichtig die Arbeit in den Dörfern ist. Doch letztlich hängt alles von der Motivation der Ärzte ab. Und davon, dass unsere Arbeit bekannt wird. Zum Glück bekommen wir  viel Unterstützung. In Mexiko funktioniert vieles über Netzwerke, und ich war am Anfang erstaunt darüber, wie viele Leute an unserer Arbeit interessiert sind. Inzwischen arbeiten wir eng mit dem DIF* aus vier verschiedenen Municipios zusammen. Wir haben auch Kontakt zu verschiedenen Hilfsorganisationen und Stiftungen.

* DIF: In jedem Verwaltungsbezirk (Municipio) gibt es einen DIF – eine staatliche Einrichtung der Sozialfürsorge.

Sie arbeiten in verschiedenen Gegenden. Gibt es regionale Unterschiede und können Sie diese beschreiben?

JP: Wir arbeiten in drei verschiedenen Regionen in Quintana Roo. Quintana Roo ist eigentlich einer der reichsten Bundesstaaten Mexikos, wegen des Tourismus. Der Bundesstaat hat hohe Einnahmen und liegt daher ökonomisch ganz weit vorn in Mexiko. Aber das betrifft nur einen kleinen Teil des Bundesstaats, vor allem die Städte Cancún und Playa del Carmen. Der Rest des Landes wurde quasi vergessen: Es wird nicht in die Infrastruktur investiert, und die Gesundheitsversorgung befindet sich auf extrem niedrigem Niveau. Und das hängt beides zusammen: Selbst wenn man Ärzte sehr gut dafür bezahlen würde, dass sie in Quintana Roo arbeiten, würde man fast niemanden finden. Denn es gibt keine guten Schulen für die Kinder, in den Dörfern nur wenige Geschäfte, von kulturellen Einrichtungen ganz zu schweigen. Gut ist es allerdings, dass es hier genug Arbeit in der Landwirtschaft gibt. Die Leute leiden nicht an Hunger, aber dennoch unter einer anderen Form der Armut: Sie haben genug zu essen, aber kaum Gesundheitsversorgung. Oft sterben Menschen an Krankheiten, die eigentlich behandelbar wären. Ich habe so oft Patienten, die an Diabetes leiden, aber keine Möglichkeit haben, Medikamente zu bekommen. In allen drei Gegenden leben die Leute vor allem von der Landwirtschaft. Das im Süden gelegene Bacalar ist am ärmsten. Dort sind auch oft Flüchtlinge aus Guatemala unter unseren Patienten. In der Zona Maya, wo fast nur Indigene leben, bekommt man sehr viel von dem authentischen Lebensstil der Maya mit. Die Menschen dort sprechen alle Maya, auch wenn sie Spanisch gelernt haben, und sie pflegen bewusst ihre Kultur, ihre Traditionen und zum Beispiel auch ihre regionale Küche. Sie gehen damit ziemlich selbstbewusst um. Manche Leute, vor allem ältere, reagieren misstrauisch, wenn wir, als fremde Ärzte, in ihre Dörfer kommen. Aber das müssen wir respektieren, wir drängen uns nicht auf. Wir lassen uns Zeit, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, und irgendwann bricht das Eis.

Wie sieht es mit Chiapas aus? Im Moment fahrt ihr einmal im Monat dorthin, weil ihr in Zukunft dort Einsätze machen wollt.

JP: Die Situation in Chiapas ist dramatisch. Chiapas ist der ärmste Bundesstaat Mexikos. Dort leben fast nur Indigene, und viele von ihnen leiden unter Hunger. Die medizinische Versorgung ist sehr schlecht, und die Situation wird dadurch noch verschärft, dass viele Dörfer kaum zugänglich sind. In Quintana Roo gibt es gut ausgebaute, befestigte Straßen, und man kommt mit dem Auto überallhin. Die Straßen und Wege in Chiapas sind oft in einem so schlechten Zustand, dass sie gefährlich sind. Manche Bergdörfer können wir mit dem Auto gar nicht erreichen.

Einsätze in Chiapas durchzuführen, wird also auch zu einer logistischen Herausforderung werden.

JP: Und die wollen wir bewältigen, ich hoffe, dass wir schon bald an diesem Punkt sind. Die Not der Menschen in Chiapas hat uns sehr bewegt. Als wir zuletzt dort waren, haben wir einen akuten Notfall behandelt, einen schwer erkrankten Jungen. Wir konnten ihn zum Glück ins nächstgelegene Krankenhaus bringen, sonst wäre er womöglich gestorben. Er ist wieder genesen. Doch wie viele Kinder gibt es dort, die keine Hilfe bekommen, wenn sie krank sind? Die Leute in Chiapas haben oft zwölf oder vierzehn Kinder. Ich habe mich am Anfang gefragt, warum. Die traurige Antwort ist, dass immer einige jung sterben. Wenn Eltern nur ein oder zwei Kinder haben, müssen sie damit rechnen, sie zu verlieren. Diese Menschen erleben sehr viel Leid. Kinder sterben, weil sie nicht genug medizinische Versorgung bekommen. Es ist frustrierend, dass wir nur wenigen helfen können. Aber nur wenn wir anfangen, wird es Wachstum geben.

Dr. Juan Pablo Aguilar