Im Hinterland der Touristenzentren

Lange Warteschlange in Dzoyola

Quintana Roo, bis in die 70er Jahre der bevölkerungsärmste Bundesstaat Mexikos, hat sich in den letzten dreißig Jahren sehr rasch entwickelt. Durch den Tourismus hat diese ländlich geprägte Region ein vollkommen anderes Gesicht bekommen. Früher fanden sich an der Küste nur kleine Dörfer, heute stetig anwachsende Städte, in denen alle großen Hotelketten vertreten sind und alles auf die Bedürfnisse der Touristen ausgerichtet ist. In die Küstenregion fließt viel Geld, und auch für die Landbewohner, die auf der Suche nach Arbeit sind, erweist sie sich als Magnet. So hat in Quintana Roo eine Stadtflucht eingesetzt, und die Dörfer im Hinterland verlieren immer mehr Einwohner.

Quintana Roo zerfällt heute in zwei Teile: die gepflegte Küstenregion mit den Zentren Cancún und Playa del Carmen und ihrem dichten Netz an Hotels, Restaurants und Geschäften — sie ist entscheidend für das Bild des Touristenparadieses, das sich der Bundesstaat geben will — und das vernachlässigte Hinterland, in das kaum staatliche Gelder fließen.

Letzte Woche waren wir in einigen dieser vergessenen Dörfer im Umkreis von Felipe Carrillo Puerto, etwa in Dzoyola oder Francisco I. Madero. Die meisten der Einwohner sprechen nur Maya, sie leben fernab des spanischsprachigen Mexiko. Manchmal sieht man für die Kinder bilinguale Schulen, und bilingual bedeutet: Maya und Spanisch. Für die Zukunft der Kinder ist es wichtig, dass sie Spanisch lernen und eine Möglichkeit haben, außerhalb ihrer Dörfer, die immer mehr verarmen, ihren Weg zu finden.

In solchen Dörfern ist die medizinische Versorgung schlecht, und so hatten wir immer viele Patienten. Die Verständigung war manchmal schwierig. Einerseits, weil wir immer Dolmetscher gebraucht haben, die Maya und Spanisch sprachen, und die waren dort nicht leicht zu finden. Andererseits aber fällt immer wieder auf: Die Menschen in den Dörfern kommunizieren anders als zum Beispiel Stadtbewohner, die Kontakt mit westlichen Touristen gewohnt sind. Ihre Mimik ist für uns ungewohnt, sie wirkt verschlossen, und es fällt schwer, Gefühle aus den Gesichtern abzulesen. Einige Patienten antworten auf Fragen ganz anders, als wir es erwarten würden, fassen sie anders auf, so antworten sie zum Beispiel auf die Frage, ob sie Medikamente nehmen, mit nein. Wenn man aber nach einem konkreten Medikament fragt, sagen sie ja. Oft zeigen sie auch mehr mit den Händen, als sie erklären.

Das bedeutet für uns vor allem: Wir dürfen niemals von dem ausgehen, was wir gewohnt sind, fragen lieber einmal zu viel als zu wenig nach. Und wir lernen viel dabei, nicht zuletzt Sensibilität im Umgang mit anderen Kulturen.