Die Mädchen in Quintana Roo

Zwei Mädchen aus Ávila Camacho

In den Dörfern von Quintana Roo sind sie oft die Schwächsten. Sie gelten weniger als ihre Brüder und werden nicht wichtig genommen: die Mädchen. Und doch liegt in ihnen die Zukunft: Nur wenn sie gefördert werden, können Missachtung und familiäre Gewalt überwunden werden.

Bei unseren Einsätzen in den Dörfern begegnen wir Mädchen aller Altersstufen: ganz kleinen, die viel und gerne lachen, neugierig und voller Vertrauen sind. Die älteren sind oft scheu und zurückhaltend. Oder sehr ernst und zielstrebig, wie die 11-jährige Rosa, die von ihrer Oma zum Arzt begleitet wird. Sie geht in die Grundschule und erzählt, dass sie später Ärztin werden wolle. Denn sie interessiere sich für den Körper und wolle anderen helfen. Ärztin — in Deutschland wäre das für ein Mädchen ein realistischer Berufswunsch. Für Rosa jedoch wird es aller Wahrscheinlichkeit nach ein Traum bleiben.

Dass ein Mädchen aus einem indigenen Dorf eine höhere Schulbildung bekommt oder gar studieren darf, ist eine Seltenheit. Rosa selbst kennt keine Frau, die studiert hat, außer der Lehrerin. Die Kosten für eine gute Schulbildung und Ausbildung kann hier niemand aufbringen. Rosas Mutter hat ihr erstes Kind mit 15 Jahren bekommen. Noch immer heiraten die Mädchen sehr früh. Zeit, richtig erwachsen zu werden, haben sie nicht.

Wie wird Rosas Leben wohl in zehn Jahren aussehen? Dann ist sie 21. Mit Anfang 20 nehmen sich in Deutschland viele junge Menschen Zeit, die Welt und die eigenen Möglichkeiten zu erkunden. In den indigenen Dörfern haben Frauen in diesem Alter oft schon einige Kinder. Überall sprechen wir mit jungen Frauen, die von ihrem Mann alleingelassen werden und nicht wissen, wie sie ihre Kinder durchbringen sollen. Viele erleben sogar familiäre Gewalt. Ihre gesetzlich verbrieften Rechte nutzen den Frauen nichts, weil sie sie nicht durchsetzen können, und so schweigen sie aus Scham. Wenn wir mit unserem Team in den Dörfern sind, öffnen sie sich manchmal zum ersten Mal in ihrem Leben: Denn wir sind Fremde, und sie brauchen keine Angst zu haben, dass jemand aus dem Dorf davon erfährt. Wir versuchen, ihnen Hilfe vor Ort zu vermitteln, Kontakte mit Psychologinnen etwa, mit denen sie ihre Erfahrungen aufarbeiten können.

Die kleine Rosa glaubt fest an ihren Traum. Sie kennt selbst keine Ärztinnen, erzählt sie. Doch im Fernsehen habe sie welche gesehen. Fernseher und Satellitenschüssel besitzt selbst in den Dschungeldörfern in Quintana Roo heute fast jeder, es gab sogar ein staatliches Programm, das die verarmte Landbevölkerung damit versorgte — damit sie mehr Bildung bekommen kann. Und so strahlt unsere moderne Welt selbst in eine Hütte ohne fließendes Wasser, tief im verarmten Süden Mexikos, hinein, in Form von Fernsehsendungen aus dem Norden oder den USA.

Doch was bedeutet das für die Menschen in den Dörfern, die noch vor einer oder zwei Generationen ein traditionelles Leben führten? Werden sie lethargisch, weil sie eine Vorstellung von einem Wohlstand bekommen, der für sie unerreichbar ist? Oder wächst in ihnen, vor allem in den Müttern, der Wille, für eine bessere Zukunft zu kämpfen?

Angela 2010

Das Leben der indigenen Landbevölkerung spielt sich heute an der Bruchlinie zwischen ihrem traditionellen Leben und den Werten ab, die die westlichen Konsumgesellschaften in den letzten dreißig Jahren entwickelt haben. Tradition und Moderne fließen permanent ineinander über, befruchten oder blockieren einander. Ohne Zweifel wünschen sich aber die Mütter von heute für ihre Töchter ein besseres Leben. Und dafür nehmen sie viel in Kauf.

Wie Teresa, die wir 2009 kennengelernt haben. Ihre Tochter Angela war mit einem Herzfehler geboren worden. Wir konnten ihr eine Operation in der Charité in Berlin ermöglichen. (Einen Bericht darüber finden Sie hier: http://www.medicalmissionnetwork.net/blog/donnerstag-4-marz-2010/).

Angela heute (ganz links, neben ihrer Mutter Teresa)

Teresa, die sich vorher nie weit von ihrem Heimatdorf entfernt hatte, war mit ihrem kleinen Mädchen in ein Flugzeug gestiegen, um nach Berlin zu fliegen – eine ferne, fremde, für sie furchterregende Stadt. Wir können uns kaum vorstellen, wie viel Angst sie vor dieser Reise gehabt hatte. Für Angela hat sie es gewagt.

Letzte Woche besuchten uns Teresa und ihre Familie in Valle Hermoso, einem Dorf, in dem wir einen Tag lang gearbeitet haben. Sie wollten uns alle noch einmal danken, das hat uns sehr berührt. Angela ist heute 12 Jahre alt. Wie ihre Zukunft aussehen wird, wissen wir nicht. Doch sie hat eine starke Mutter an ihrer Seite.